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2019-11-20 17:52:53

Sollten sich Wissenschaftler mit ihrer eigenen Meinung bewusst zurückhalten und ihre Forschungsergebnisse für sich sprechen lassen - oder sollten sie sich mit Stellungnahmen und Debattenbeiträgen aktiv in die Politik einmischen? Die Organisation Wissenschaft im Dialog (WID) hat dazu im Wissenschaftsbarometer 2019 rund Tausend Menschen in Deutschland befragt und zumindest beim Thema Klimakrise eine klare Antwort bekommen.

Hintergrund war, dass sich Klimaforscher öffentlichkeitswirksam für die Fridays for Future -Proteste engagieren und damit politische Entscheidungen infrage stellen. Im Auftrag von WID wollte das Meinungsforschungsinstitut Kantar Emnid in einer repräsentativen Umfrage von der Bevölkerung wissen, ob es richtig ist, dass Wissenschaftler sich öffentlich äußern, wenn politische Entscheidungen Forschungsergebnisse nicht berücksichtigen.

Drei von vier Befragten (75 Prozent) stimmten zu, dass Forscher in dem Fall Position beziehen sollten. Nur sieben Prozent waren dagegen. 16 Prozent der Befragten konnten sich für keine Seite entscheiden (siehe Grafik unten).

Raus aus dem Elfenbeinturm

Inwieweit Forscher über rein fachliche Aussaugen hinaus Teil der öffentlichen Meinungsbildung sein sollten, ist ein Politikum. Denn Wissenschaft liefert selten definitive Erkenntnisse. Sie versucht zu verstehen, wie etwas unter bestimmten Bedingungen funktioniert oder verläuft. Forschung schafft Fakten mit viel Wenn und Aber.

Um daraus politische Botschaften abzuleiten, müssen Fachleute vereinfachen und zuspitzen. Kritiker halten davon nichts. Wenn es nach ihnen geht, stellen Forscher ihr Fachwissen mit allen Einschränkungen zur Verfügung. Welche Schlüsse die Gesellschaft daraus ziehen sollte, muss dann die Politik klären.

Doch längst nicht alle sehen das so. Befürworter von Wissenschaftlern, die sich in den politischen Diskurs einmischen, argumentieren, dass öffentliche Forschung aus Steuermitteln finanziert wird und die Gesellschaft deshalb ein Recht darauf hat, davon zu profitieren. Forscher müssten raus aus dem Elfenbeinturm.

Nicht jede Form der Einmischung ist erwünscht

Allerdings kommt es bei der Frage auch darauf an, wie sich Experten einmischen, zeigt die aktuelle Umfrage. So präsentierten die Meinungsforscher ihren Probanden im Zusammenhang mit Fridays for Future auch folgende Aussage: Es ist nicht Aufgabe von Wissenschaftlern, sich in die Politik einzumischen. Gut ein Viertel stimmte zu, nur die Hälfte fand, dass sich Wissenschaftler sehr wohl einmischen sollten.

Zur Erinnerung: Bei der Frage, ob Forscher sich öffentlich äußern sollten, wenn politische Entscheidungen nicht zu wissenschaftlichen Erkenntnissen passen, waren 75 Prozent dafür. Ein Viertel der Befragten scheint also der Ansicht zu sein, dass Forscher sich öffentlich äußern, sich aber nicht direkt in die Politik einmischen sollten.

Gleichzeitig war gut ein Viertel der Befragten der Meinung, dass die Wissenschaft aktuell in genau dem richtigen Ausmaß Einfluss auf die Politik nimmt. 44 von 100 befragten hielten den Einfluss für zu gering. Im Wissenschaftsbarometer 2014 war die Unzufriedenheit noch größer: Damals hielten nur 19 Prozent den Einfluss der Forschung auf die Politik für genau richtig. Mehr als die Hälfte hielt ihn für zu gering.

Gesunder Menschenverstand oder wissenschaftliche Fakten?

Bemerkenswert an der aktuellen Umfrage ist auch, dass nur gut die Hälfte der Befragten grundsätzlich der Meinung waren, dass politische Entscheidungen auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhen sollten.

Außerdem fand ein Drittel der Befragten im Zusammenhang mit Fridays for Future , dass wir uns mehr auf den gesunden Menschenverstand verlassen sollten und weniger auf wissenschaftliche Studien.

Der gesunde Menschenverstand wird in öffentlichen Debatten gern bemüht, wenn es darum geht, wissenschaftliche Fakten zu leugnen oder Sachverhalte ungeachtet komplexer Hintergründe darzustellen. So berufen sich einige AfD-Politiker darauf, dass das Klima auf der Erde durch die Sonnenaktivität bestimmt werde und der Mensch daher ohnehin nichts ausrichten könne.

Abgrund der menschlichen Psyche

Klingt logisch, doch in Wahrheit spielt die Konzentration von Treibhausgasen in der Atmosphäre die entscheidende Rolle beim Anstieg der globalen Temperatur. Das ist bekannt, weil Forscher den gesunden Menschenverstand inzwischen wissenschaftlich überprüft haben. Wissenschaftliche Erhebungen sind die Kontrollinstanz des gesunden Menschenverstands.

Wie häufig Menschen in Umfragen widersprüchliche Antworten geben oder sich davon leiten lassen, welche Antworten erwünscht sein könnten, zeigt ein weiterer Frageblock der aktuellen Erhebung: 66 Prozent der Befragen stimmten zu, dass Wissenschaft und Forschung helfen werden, zentrale Probleme der Menschheit zu lösen. Gleichzeitig waren 43 Prozent der Meinung, dass wir mehr Wert auf Bestehendes legen sollten und weniger auf neue Technologien.

Die Befragten waren sich demnach sicher, dass neue Erkenntnisse wichtig sind, wollten aber trotzdem lieber an Altem festhalten.


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